Ein Jahr intensive Ausbildung in der Gestalttherapie am Symbolon-Institut liegt nun hinter mir. Als ich mich damals für die Ausbildung entschied und hörte, dass sie insgesamt 4,5 Jahre dauert, dachte ich zunächst: „Ganz schön lange Zeit!“
Heute, nach elf Ausbildungswochenenden, vielen Peer-Gruppentreffen und über zwanzig Stunden Lehrtherapie, denke ich das Gegenteil: „Zum Glück dauert sie so lange.“
Denn diese Ausbildung ist kein Sprint – sie ist eine Reise. Eine Reise, die mir tiefgehende Einsichten schenkt, mich herausfordert, berührt und verändert. Noch nie hat es mir so viel Freude gemacht, Neues zu lernen (mit Ausnahme meiner Ausbildung zur Paarberaterin, die ebenfalls viele Elemente der Gestalttherapie enthielt).
Eine Haltung, keine Technik
Gleich zu Beginn der Ausbildung wurde uns gesagt, dass die Gestalttherapie nicht deshalb so lange dauert, weil man so viel Theorie oder Technik erlernen müsste – sondern weil sie eine Haltung ist, die sich entwickeln will.
Und das ist wohl der größte Unterschied zu vielen anderen Therapie- und Beratungsansätzen: In der Gestalttherapie geht es nicht nur darum, etwas anzuwenden, sondern darum, jemand zu werden.
Diese Haltung ist geprägt von Präsenz, Offenheit, Echtheit und Verantwortung. Wir lernen, Menschen nicht zu „analysieren“ oder zu „verändern“, sondern ihnen so zu begegnen, wie sie sind – im Hier und Jetzt. Und dabei auch uns selbst zu spüren. Denn in der Gestalttherapie geschieht Veränderung nicht durch Konzepte oder Ratschläge, sondern durch bewusste Begegnung und Achtsamkeit.
Ich merke, wie sehr sich mein Blick auf die Welt und die Menschen, die sich mir anvertrauen, im Laufe dieses Jahres verändert hat. Die Gestalttherapie lehrt mich, im Kontakt wirklich da zu sein – mit allen Sinnen, mit meinem Körper, meinen Gefühlen, meiner Intuition.
Was Gestalttherapie ausmacht
Die Gestalttherapie wurde in den 1950er Jahren von Fritz und Laura Perls sowie Paul Goodman entwickelt. Ihr Grundgedanke: Jeder Mensch trägt die Fähigkeit zur Selbstregulierung und Heilung bereits in sich – wenn er sich dessen bewusst wird.
Im Zentrum steht das Hier und Jetzt: Das, was gerade geschieht, ist der Ort, an dem Veränderung möglich ist. Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen werden nicht bewertet, sondern wahrgenommen und in Kontakt gebracht.
Anstatt über Probleme zu sprechen, werden sie oft erlebt: durch Körperarbeit, kreative Medien, Rollenspiele oder den bewussten Ausdruck von Gefühlen. So entsteht eine direkte, lebendige Erfahrung, die zu neuen Einsichten führt.
Ein wichtiger Grundsatz lautet: „Bewusstheit verändert.“ Denn sobald wir wahrnehmen, was ist, eröffnen sich neue Möglichkeiten, wie es sein kann.
Ein Jahr voller Selbsterfahrung
Der Selbsterfahrungsanteil spielt in der Gestalttherapie eine zentrale Rolle – und das durfte ich im letzten Jahr deutlich spüren.
Wir haben uns intensiv mit unseren eigenen Lebensthemen beschäftigt, ein Lebenspanorama erstellt, über Werte gesprochen und erforscht, was uns im Leben Halt gibt. Wir durften Wahrnehmungsübungen machen, Gefühle in Körperhaltungen oder Tönen ausdrücken, Klangteppiche gestalten, Bewegungen wahrnehmen und erforschen, wie unsere Vergangenheit uns im Heute beeinflusst.
All das hat nicht nur Wissen vermittelt, sondern eine tiefe Verbindung zu mir selbst geschaffen.
Und besonders schön: Ich darf diese Ausbildung gemeinsam mit meinem Partner Sinan erleben. Für uns als Paar ist das eine unglaublich bereichernde Erfahrung – wir lernen nicht nur über uns selbst, sondern auch über uns als Wir.
Natürlich ist das nicht immer leicht. Wenn wir in Übungen oder Gesprächen mit Themen in Kontakt kommen, die auch unsere Beziehung berühren, zeigt sich manchmal, wie unterschiedlich wir geprägt sind und wie verschieden wir auf bestimmte Situationen reagieren. Es gibt Momente, in denen uns die Gestaltarbeit mit Seiten von uns konfrontiert, die schwer anzunehmen sind – im anderen und auch in uns selbst.
Aber genau darin liegt die Chance: ehrlich hinzusehen, statt auszuweichen. Uns gegenseitig in unseren Verletzlichkeiten zu sehen, ohne gleich eine Lösung zu brauchen.
Diese gemeinsamen Erfahrungen haben uns noch näher gebracht – nicht, weil immer alles harmonisch wäre, sondern weil wir gelernt haben, auch die Spannung, die Reibung, das Unbequeme auszuhalten und darin verbunden zu bleiben. Für mich ist das eine der tiefsten Formen von Nähe, die ich bisher erlebt habe.
Besonders eindrücklich war für mich auch die Erfahrung, wie sich unsere Peer-Gruppen gebildet haben. Dieser Prozess war langwierig, manchmal herausfordernd – und er hat bei vielen alte Gefühle angetriggert: etwa die Angst, nicht dazuzugehören, oder die Sehnsucht nach Anerkennung. Aber gerade in diesen Momenten habe ich gespürt, wie heilsam es ist, sich selbst ehrlich zu begegnen – und gesehen zu werden, so wie man ist.
Lernen durch Erleben
In der Gestalttherapie geht es darum, Erfahrung statt Erklärung zu ermöglichen.
Wir üben, wahrzunehmen, statt zu interpretieren. Zu spüren, statt zu bewerten. Und zu reagieren, statt zu kontrollieren.
Das klingt einfach, ist aber in der Tiefe eine Lebensschule.
Ein Satz, der mich in diesem Jahr besonders begleitet hat, lautet: „Was wallt, ist alt.“
Er erinnert mich daran, dass starke Emotionen – ob Wut, Angst, Traurigkeit oder Scham – ihre Wurzeln meistens in unserer Vergangenheit haben. Wenn heute etwas in uns „wallt“, zeigt sich darin meist ein alter Schmerz, eine alte Erfahrung, die gesehen werden möchte.
In der Gestalttherapie geht es genau darum: solche Gefühle nicht zu verdrängen oder zu analysieren, sondern sie bewusst wahrzunehmen, ihnen Raum zu geben und zu erforschen, woher sie kommen und was sie heute noch mit uns machen.
So entsteht Bewusstheit – und damit die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen. Denn Veränderung geschieht immer dann, wenn wir spüren, was wirklich in uns lebendig ist.
Themen des ersten Jahres
Nachdem der erste große Selbsterfahrungsblock abgeschlossen war, begannen wir mit inhaltlichen Themenwochenenden.
Im ersten Jahr standen Selbstwert, Polarität und kreative Medien im Mittelpunkt.
Jedes dieser Themen hat mich auf seine eigene Weise berührt:
-
Beim Thema Selbstwert ging es darum, den inneren Kritiker zu erkennen und zu lernen, uns selbst mit Wertschätzung zu begegnen.
-
In der Polarität haben wir erforscht, wie gegensätzliche Kräfte – etwa Stärke und Verletzlichkeit, Nähe und Distanz – gleichzeitig in uns existieren und sich gegenseitig ergänzen können.
-
Und bei den kreativen Medien haben wir erfahren, wie Malen, Bewegung, Klang oder Ton Ausdrucksformen sein können, die Worte oft nicht finden.
Was bleibt – und worauf ich mich freue
Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, spüre ich Dankbarkeit. Für die Menschen, mit denen ich diese Reise teilen darf. Für unsere beiden Ausbilder Heide Alba und Markus Lemke, die uns mit so viel Begeisterung, Herz und Authentizität begleiten. Und für die vielen kleinen und großen Erkenntnisse, die sich leise, aber spürbar in mein Leben geschlichen haben.
Ich habe gelernt, dass Gestalttherapie keine Methode ist, die man „anwenden“ kann – sondern ein Weg, auf dem man wächst.
Ein Weg, auf dem man lernt, präsent zu sein.
Ein Weg, auf dem man sich selbst begegnet – immer wieder neu.
Und ich freue mich darauf, dass noch 3,5 Jahre vor mir liegen.
Denn wenn dieses erste Jahr eines gezeigt hat, dann das:
Wirkliche Veränderung geschieht nicht durch Wissen, sondern durch Begegnung.

